Mitte März wurde klar, dass die Schulen schließen müssen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Viele Schulen haben versucht, auf digitalen Unterricht umzustellen. Dazu greifen sie auf bereits bestehende Lernplattformen zurück, die, teils mit durchwachsenem Erfolg, einen guten Teil der Aufgaben bewältigen können.
Dennoch haben selbst etablierte Werkzeuge ihre Defizite. Vor allem fehlen ihnen Tools zur direkten Kommunikation, etwa über Videotelefonie, und auch der Datenschutz hat nicht immer Priorität. Diese Situation kritisieren auch Schüler:innen selbst.
Viele Schüler:innen fühlen sich alleine gelassen: “Zwischen dem alleinigen Aufgaben erledigen und einer Unterrichtsstunde befinden sich Welten.”, erklärt Moritz Masch vom Brandenburger Schülerrat. Die „gesamte Verantwortung für den Lernerfolg“ werde gerade den Schüler:innen aufgebürdet, schreibt die LandesschülerInnenvertretung NRW: „Hinzu kommt ein überfülltes Postfach von Schüler:innen und Lehrer:innen, mit 20 Nachrichten, die alle bearbeitet und beantwortet werden müssen.“
Eine Kommunikationsplattform für individuelle Fragen wünscht sich die Landessschülervertretung Thüringen, eigene E‑Mail-Adressen für alle Schüler:innen fordert der Landesschülerrat Brandenburg.
Solide Grundlage
Die meisten Bundesländer betreiben für ihre Schulen die Lernplattform „Moodle“ oder ein ähnliches System. Dort können Nutzer:innen Material wie Aufgaben oder Dokumente austauschen und Arbeitsgruppen bilden. Baden-Württemberg stellt jeder Schule eine eigene Moodle-Instanz zur Verfügung, Rheinland-Pfalz ist nach eigenen Angaben selbst an der Entwicklung der Open-Source-Software beteiligt, in Bayern ist sie in das landeseigene System „mebis“ integriert.
Für Videokonferenzen mussten einige Länder kurzfristig die kommerzielle Video-Erweiterung „Webex“ von Cisco kaufen, so in Berlin, Schleswig-Holstein oder Rheinland-Pfalz. Allerdings sollen die meisten dieser Systeme laut den zuständigen Ministerien nur für eine Übergangszeit die hohen Zugriffszahlen abfangen. Langfristig soll die offene Software BigBlueButton oder Jitsi Meet auf landeseigenen Servern bereitgestellt werden.
Bis über die Plattform it’s learning des Landes Bremen Videokonferenzen möglich sind, arbeiten die Schulen dort mit der kommerziellen Software Zoom, teilte die Senatorin für Schule mit. Diese Entscheidung sei in Abstimmung mit dem Finanzsenator sowie mit einem externen Datenschutzbeauftragten getroffen worden.
Auf unsere Nachfrage gab die Bremer Datenschutzbeauftrage an, dass sie nicht in die Entscheidung einbezogen wurde, den Einsatz von Zoom aber für „nicht unbedenklich“ halte: Der Quellcode sei weder einsehbar noch überprüfbar, zudem würden mindestens die Metadaten auf US-amerikanischen Servern verarbeitet.
Eigene Videokonferenzsysteme sind Realität
Datenschutzfreundlicher sind selbstgehostete Videokonferenzsysteme, wie es sie mit BigBlueButton in Sachsen und Sachsen-Anhalt schon gibt. Getestet wird noch in Baden-Württemberg, im Saarland oder in Thüringen. Dahinter stehe die Idee einer eigenverantwortlichen Schule, erklärt das Schulministerium aus Sachsen-Anhalt und verweist auf die Leitlinien zur IT-Ausstattung von Schulen.
Außerdem habe BigBlueButton auch gegenüber kommerziellen Alternativen einen größeren Funktionsumfang, man könne Präsentationen hochladen, anzeigen und zum Herunterladen freigeben, Abfragen durchführen oder gemeinsam auf ein Whiteboard schreiben. Die Thüringer Landesschülervertretung begrüßt außerdem die Datenschutzfreundlichkeit eigener Plattformen.
Lehrer:innen sollen sich kümmern
Trotzdem darf die Verantwortung nicht auf die Schulen abgeschoben werden, sondern die Bundesländer brauchen eine klare Strategie für die schulische Infrastruktur. Gar kein Videokonferenzsystem bietet bisher Mecklenburg-Vorpommern, hier „dürfen“ Lehrer:innen selbst entscheiden. Aktuell laufe ein Vergabeverfahren für ein landesweites Lern-Management-System, heißt es aus dem Ministerium.
Auch in Hessen und Bayern gibt es bisher keine Videokonferenzsysteme des Landes. Bayern empfiehlt in einem Schreiben an alle Schulen mögliche ergänzende Werkzeuge wie „cloud-gestützte Office-Produkte, ggf. mit Videokonferenzsystem (zu denken wäre hier zum Beispiel an Microsoft Office 365) oder datenschutzfreundliche Messenger-Dienste“. Hessen sieht zwar, dass Werkzeuge für Einzel- und Gruppenchats, für Videokonferenzen und kollaboratives Arbeiten hilfreich sein können, bleibt aber bei einem allgemeinen Verweis auf die Softwarelösungen Jitsi und BigBlueButton.
Digitalisierung geht nicht von alleine
Mal eben schnell digitalisieren ist meist wenig datenschutzfreundlich. Das zeigte bereits die Plattform Logineo des nordrhein-westfälischen Schulministeriums, die seit 2018 an ausgewählten Schulen im Testbetrieb läuft. Seither steht sie in der Kritik, weil Lehrer:innen die Sicherheit vertraulicher Schüler:innendaten auf ihren privaten Endgeräten garantieren sollten – nach Einschätzung verschiedener Lehrerverbände ein untragbarer Zustand. Sie forderten stattdessen Dienstgeräte.
Auch die LandesschülerInnenvertretung NRW spricht sich dagegen aus, dass Schüler:innen ihre eigenen Geräte nutzen sollen, weil nicht jede:r einen eigenen, leistungsfähigen Laptop oder Computer besitze und einzelne Schüler:innen unter Umständen ausgeschlossen würden.
Ehrenamt und Eigenmotivation
Dass Technik nicht alles ist, zeigen auch sechs „Didaktische Hinweise“ für Lehrer:innen des Schulministeriums NRW. Darin heißt es auch: „So viel Empathie und Beziehungsarbeit wie möglich, so viele Tools und Apps wie nötig.“
Trotzdem müssen diese nötigen Tools datenschutzfreundlich bereitgestellt werden – und auch bei den Schüler:innen ankommen. Denn gerade hängt es von den einzelnen Schulen oder vom Engagement einzelner Lehrer:innen ab, welche Software eingesetzt wird. Besonders gut läuft es dort, wo Ehrenamtliche Lücken mit eigener Infrastruktur stopfen oder Lehrer:innen hohe Eigeninitiative zeigen.
Achtung vor „kostenfrei“
Solche Initiativen brauchen mehr Unterstützung, weil Digitalisierung kostet. Auch wenn für freie Software wie Moodle, BigBlueButton oder Jitsi Meet keine Lizenzgebühr fällig wird, müssen Hardware oder Administrationsdienstleistungen bezahlt werden. Bisher kümmern sich häufig Lehrkräfte um die IT-Systeme ihrer Schulen. Für Logineo NRW etwa werden sie dafür eine Stunde wöchentlich vom Unterricht freigestellt.
Die Landesschülervertretung NRW warnt andererseits vor kommerziellen Plattformen, die ihrer Einschätzung nach die Chance nutzen wollen, Marktanteile zu gewinnen und daher kostenfreie Lockangebote zur Verfügung stellen: „Was auf den ersten Blick wie ein großzügiges Angebot wirkt, ist tatsächlich ein weiterer Schritt zur Privatisierung und Gewinnorientierung der Bildungsinfrastruktur.“
Was wird tatsächlich gebraucht und hilft in der Krise weiter? Auch wir versuchen, positive Beispiele aufzuzeigen und haben dafür bereits mit Stefan Kaufmann aus Ulm und Steffen Haschler aus Mannheim gesprochen. Sind Sie selbst Eltern oder Lehrer:innen? Wo läuft es besonders gut? Berichten Sie uns von Ihren Erfahrungen.

